Zwei Welten, und aus eben dieser komme ich.

Übersetzung des Artikels von Gabriele Di Luca Un antidoto contro il risentimento, einer Nacherzählung der Buchpräsentation am 25. Mai

Geschichte wird manchmal auch geschrieben, indem man zwei Bücher präsentiert. Am Samstag, 25. Mai, hat der Regen um zehn Uhr großzügig eine Pause eingelegt, damit ein Verlagsprojekt vorgestellt werden konnte, das als erster Stein eines noch zu errichtenden Gebäudes bezeichnet werden könnte. Das Gebäude ist das so genannte Bibliothekenzentrum der Stadt Bozen. Auf der Internet-Seite der Provinz Bozen wird ziemlich zukunftsfroh angekündigt, es solle eine jährliche Aufnahmekapazität von 400.000 Besucher haben. Eine große kulturelle Lunge also, ein wenn auch durchaus kontrovers diskutiertes, gemeinsames Haus für die drei großen bibliothekarischen Institutionen Dr. Friedrich Teßmann, Cesare Battisti und Claudia Augusta.

Zeitworte

Im Hof der zukünftigen Baustelle begrüßten die drei Bibliotheksdirektoren (Johannes Andresen, Ermanno Filippi und Valeria Trevisan) das zahlreich erschienene Publikum und bekräftigten in beiden Sprachen die gemeinsame Grundausrichtung: „Wir wünschen uns eindrücklich, dass die heutige Veranstaltung die erste von zahlreichen weiteren ist, die von den Vereinigten Bibliotheken ausgerichtet wird.“

Risentimento

Anschließend ergriff Lucio Giudiceandrea, Journalist der RAI, das Wort. Er begleitete als Moderator die Buchpräsentation, oder besser gesagt die Präsentation der beiden Bücher. Sie sind eine Gemeinschaftsproduktion des Meraner Verlegers Aldo Mazza (edizione alphabeta Verlag) und des Innsbrucker Limbus Verlags mit seinem Verleger Bernd Schuchter und enthalten jeweils fünf Erzählungen von italienischen bzw. von österreichischen Autorinnen und Autoren zum Zeitwort Ressentiment (Risentimento). „Wir leben in der Tat im Zeitalter des Ressentiments und des Grolls“, so Giudiceandrea, „Gefühle, die von der sozialen Basis aufsteigen und sich gegen das System richten oder gegen das, was dafür gehalten wird. Die Verfasser der Erzählungen wurden eingeladen, über diese Empfindung nachzudenken beziehungsweise sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden literarischen Mitteln und Möglichkeiten zu beleuchten.“

Vom Gift trinken und darauf warten, dass die andere Person stirbt.

Anna Rottensteiner, Herausgeberin des deutschsprachigen Bandes, stellte die junge Autorin Anna Weidenholzer und deren Erzählung Wieder zwei vor. Im Deutschen ist das Wort „Ressentiment“ ein Lehnwort aus dem Französischen, ein Konzeptwort, das durch Nietzsche und Scheler Eingang in die Sprache fand, um jenen Seelenzustand zu beschreiben, demzufolge man der eigenen Situation, die man als zutiefst unglücklich erlebt, nichts entgegensetzt und im Gegenteil darin verharrt, ohne eine Veränderung herbeiführen zu suchen. Die Schuld für diesen selbst herbeigeführten Zustand wird allerdings den Anderen gegeben, und so schäumt der Betroffene vor machtloser Wut und droht in einer schleichenden Selbstvergiftung zu ersticken. Das Cover der beiden Bände zitiert bildlich die Aussage von Malachy McCourt: „Ressentiment zu empfinden, das ist, als ob du selbst Gift zu dir nimmst und dann darauf wartest, dass die andere Person stirbt.“

Risentimento

Anna Weidenholzers Herangehensweise an das Ressentiment war, dieses im Inneren der zwischenmenschlichen Beziehungen darzustellen, in alltäglichen Situationen: „Ich wollte wertfrei schreiben, wie mit einer Filmkamera beobachten, und dabei jene Leerstellen im Auge haben, jene Momente, in denen die Figuren sich vorsätzlich dem Gegenüber verschließen. [Die Erzählung ist mehrstimmig wie eine Fuge rund um den wiederkehrenden Anfangssatz komponiert: „Im Grunde ist es doch so … du lässt dich auf einen Menschen ein oder nicht“. AdR] Dadurch bleiben sie in ihrer Isolation gefangen, die gleichzeitig die Ursache ihres Unbehagens ist.“ Zum Abschluss des Gesprächs stellte Anna Rottensteiner eine durchaus spannende Frage an die Autorin, nämlich, ob die Literatur eine Art Gegengift zum Ressentiment darstellen könne, ein Mittel, um das Gift des Ressentiments auszuspucken. „Auf jeden Fall“, war Weidenholzers Antwort. „Literatur ist immer Einübung in die Empathie, in die Annäherung an den Anderen, und kann uns daher dazu bringen, jenes Ufer hinter uns zu lassen, an dem das Unkraut des Ressentiments wächst.“

Das Ressentiment als Bedingung zur Ausübung von Macht, und daher von dieser heraufbeschworen

Giovanni Accardo führte im zweiten Teil der Präsentation den Schriftsteller Giorgio Falco und dessen brillantes Statement zum Ressentiment ein. Seine Erzählung handelt von einer konfliktreichen Vater-Sohn-Beziehung, aber auch vom Wechsel zweier Epochen, die sich in den Veränderungen des Fußballspiels und in der Berichterstattung von den 1970er Jahren bis heute zeigen. „Man könnte vielleicht sagen, dass an die Stelle der Empörung, die ein aktives und wandelbares Gefühl ist, das Ressentiment getreten ist, das keine Veränderung zulässt,“ fasste Falco seine Position zusammen. Daher wird das Ressentiment zu einer Bedingung der Ausübung von Macht und von jenen, die sie anstreben, heraufbeschworen, da es nach Gutdünken zur sozialen Kontrolle eingesetzt und ausgenutzt werden kann (wohingegen die Empörung Furcht einflößt): „Wer zum Beispiel früher ein Fußballspiel in Aufzeichnung verfolgte, verließ sich auf das, was er sah, glaubte an die auktoriale Vermittlung, die ihm die Bilder lieferten. Er war aber auch noch eher bereit zu reagieren, sogar auf die Straße zu gehen, wenn er ein bestimmtes Ereignis als zerstörerisch wahrnahm, das sein inneres Gleichgewicht aus der Bahn warf. Heute ist alles anders, alles wird durcheinandergewirbelt, im frenetischen Rhythmus der Live-Übertragungen konsumiert, der die Zuschauer in einen Wirbel austauschbarer Augenblicke stürzt, um sie dann in den Spasmen ihrer Reaktionen ertrinken zu lassen, die dem Ressentiment entspringen und daher im Großen und Ganzen wirkungslos bleiben.“

Risentimento

Wie Anna Weidenholzer betonte auch Giorgio Falco, dass die Literatur das angemessene Medium sei, um vom Rand der intrapersonalen Geschehnisse aus beobachtend einen Punkt zu setzen, der entlang der Verwerfungen der geschichtlichen Ereignisse verläuft und es ermöglicht, diese in ihre Bestandteile zu zerlegen und in ihrer tieferen, sprachlichen Dimension zu erfassen.

Due mondi, e io vengo dallo stesso / Zwei Welten, und ich komme genau aus eben dieser 

Südtirol/Alto Adige war lange ein Land voll des Ressentiments, risentimentale im Sinne des Adjektivs, das Giorgio Vasta in der Eröffnungserzählung des italienischsprachigen Bandes prägt. Gemeint ist damit der Konflikt zwischen den verschiedenen Sprachgruppen, der große Teile des 20. Jahrhunderts charakterisierte, das wir zum Glück hinter uns gelassen haben. Initiativen wie diese wirken sich daher nicht nur im privilegierten Bereich der literarischen Kreativität, sondern auf mehreren Ebenen positiv aus. Erzählungen von dermaßen hoher literarischer Qualität in beiden Sprachen über ein dermaßen aktuelles Thema vorzulegen und zu präsentieren, ist die Basis eines Dialogs, der als einziger einen Ausweg aus der Falle des gegenseitigen Ressentiments darzustellen vermag. Und wenn diese dann an jenem Ort erfolgt, der in hoffentlich naher Zukunft die drei Bibliotheken miteinander vereint, so drückt sich darin ein großes Vertrauen in die Zukunft aus. In Bezug auf den Titel eines Buches von Alessandro Banda, der mit seiner Erzählung Dialogo (risentito) con uno sconosciuto enigmatico ebenfalls in der Anthologie vertreten ist, könnte man sagen, dass wir uns endlich nicht mehr davor zu fürchten brauchen, als der Begegnungsort zwischen zwei unterschiedlichen Welten definiert zu werden, sondern es uns erlauben können zu sagen, dass wir von genau dieser Welt kommen. Jetzt, wo der erste Stein gelegt ist, möge alles Weitere folgen.

Risentimento

Fotos: Gabriele Di Luca

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