Andere Tage 1

Ein Austausch und Gespräch mit Studierenden des Slawischen Seminars war für mich sehr spannend. Es hat mich unter anderem angeregt, den Text, von dem im Interview die Rede ist, fortzuschreiben. Hier der erste Teil. Das Foto zeigt das Haus am Litejny-Prospekt in St. Petersburg, in dem die Schriftstellerin und Philosophin Sinaida Hippius lebte. Es ist dem Buch „Petersburg. Eine literarische Zeitreise“ von Steffi Memmert-Lunau und Angelika Fischer entnommen (Edition A.B.Fischer 2013, S. 84).

Woran ich mich erinnern kann: An drei Kleidungsstücke, die ich mithatte und die mir damals sehr wichtig waren: ein geblümter Rock, wadenlang, eher gedeckte Farben, Farb- oder besser Blütenklekse in Petrol und Weinrot. Eine Latzhose, weiß! Fester Baumwollstoff, aber kein Jeansgewebe. Mit einem richtigen Lätzchen vorne und Trägern, die am Rücken über Kreuz gingen. Darunter trug ich am liebsten leichte Pullis oder, wenn es warm war, T-Shirts mit Kragen. Und meine Clarks, Schuhe in gedecktem Taubenblau, die ich überallhin mitnahm, zu allem trug, am liebsten zur Latzhose und zum Blumenrock. Diese drei begleiteten mich auf vielen meiner Reisen, als ich jung war, ich will sagen: als ich so richtig jung war.

Ich versuche mich hineinzuversetzen in jene junge Frau, die ich damals war, versuche mich ihr anzunähern: War das ich? War das ein Ich von mir? Der Teil des Ichs, und, wenn ja: welchen Ichs? Sie ist mir sehr fern, ich möchte sie auch nicht näher in mich holen, wohl aber von ihr erzählen, von jener ungestümen Art, sich der Welt zu nähern, sich diese anzueignen, zu holen, ohne große Geste, die nicht benötigt wird oder an die man als junge Frau nicht denkt, aber mit einer Selbstverständlichkeit und einer Neugierde, die auch eine Naivität war. Haltungen und Eigenschaften, die der jungen Frau unbewusst waren, sie brauchte darüber (noch) nicht nachzudenken. Doch schneller als sie damals dachte, kam dieser Zeitpunkt, wo sich diese Eigenschaften, die sie gar nicht in Worte fassen musste, allesamt verloren, schrittweise verloren gingen. Das, wovon ich erzähle und erzählen möchte, ist beides: jener Unschuld auf die Spur zu kommen, die die Frau furchtlos und ohne Vorbehalte auf andere Menschen zugehen ließ, und gleichzeitig auch deren Verlust nachzuzeichnen. Wobei es sich eigentlich genau andersherum verhält: der Verlust, oder die Geschehnisse, die diesen einleiteten, sind mir präsent und näher als das, was ich dabei verlor.

Ich hatte nach meinem Abitur Germanistik und Slawistik zu studieren begonnen. Es erschien mir tragbar: ein „normales“ Fach mit einem eher bis sehr außergewöhnlichen zu kombinieren. Ein Semester lang hatte ich es mit dem Übersetzerstudium versucht, doch nachdem eine Lehrende behauptete, die Menschen aus meiner Gegend meinten, zwei Sprachen zu beherrschen, wobei es sich in Wahrheit so verhalte, dass sie weder die eine noch die andere richtig zu sprechen vermochten, wollte ich mich mit diesen beleidigenden Vorurteilen nicht unnötigerweise herumschlagen müssen und wechselte in die Philologie. Sprachen und Literaturen. Dostojewskij-Lektüre im Original. Das war es, was ich wollte. Nicht mehr und nicht weniger. Unverständnis bei den meisten Menschen, denen ich das als Grund für mein Russisch-Studium angab. Mir gefiel es. Das Studium und die Reaktion der Menschen. In der Bibliothek meines Vaters fand ich ein Wörterbuch für die beiden Sprachen, es war eines der wenigen Seiner Bücher, die meisten hatte meine Mutter in die Ehe mitgebracht und weiterhin angeschafft. Wir hatten nicht viele Bücher zuhause, gingen vielmehr in die Bücherei der Pfarre und später der Stadt, um uns regelmäßig mit Lesestoff zu versorgen. Ich wusste, dass Vater im Krieg in Russland gewesen war, doch mehr war nicht zu erfahren. Er gehörte dem Typ Mann an, der die Geschehnisse mit sich selbst ausmachte, im Dunkel der Nacht, wenn die Erinnerungen kamen und mit ihnen die Schreie, die nun aus den Mündern alternder Männer entfuhren und Ehefrauen und Töchtern zutiefst in die Glieder fuhren. Vielleicht war auch das eine der jungen Frau unbewusste Motivation, als sie die Entscheidung traf, Russisch zu studieren. Vielleicht aber auch ganz einfach die Tatsache, dass es eine der wenigen Sprachen war, die man an der Universität ohne jegliche Vorkenntnisse zu studieren beginnen konnte. Alle starteten bei derselben Unkenntnis, Null war der gemeinsame Nenner.

Der Flug mit Aeroflot war der erste Flug im Leben der jungen Frau. Berlin Leningrad. Westberlin Leningrad. Mit dem Zug nach München, dort umsteigen, Nachtzug nach Westberlin, verhangene Zugfenster bei der Fahrt durch die Ost-Zone. Kontrollen über Kontrollen, doch alles reibungslos. Warum ich von Westberlin abflog und nicht von München, kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht gab es damals nur diese Flugverbindung, das muss fast so sein.

Die Erinnerung fehlt mir, da ist eine weiße Fläche, wenn ich zurückdenke, und nicht nur Lücken, es ist, als ob die junge Frau und ich, die ich nun erzählen möchte, wie es denn kommen konnte, dass sie das verlor, was ich erst heute weiß, dass sie es hatte, als Personen nicht übereinstimmten, jedenfalls nicht, wenn ich von jetzt aus, von der Gegenwart des Erzählens, zurückblicke. Die Erinnerungen, die mir bleiben, sind lückenhaft, vielmehr, sie sind die Lücken. Die Lücken zwischen dem Weiß des Nichterinnerns. Auf sie stütze ich mich in der Erzählung. Der Rest kann Rekonstruktion sein, Imagination von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. So etwas wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, zwischen den Lücken, die hier eigentlich die Brücken sind, und um die Lücken herum aufleuchten, flackernd und vibrierend wie die Nordlichter. Vielfärbig und vieldeutig. Brücken wie jene in Leningrad, die sich um Mitternacht, großzügig und hybrid, für eine Stunde nach oben öffnen und ihre Funktion als Verbindung zwischen zwei Stadtteilen aufgeben, um den Strom der Stadt durchlässig werden zu lassen für die großen Schiffe, die auf der Newa zwischen Lagodasee und Ostsee und retour verkehren.

Ich durchblättere ein Buch zu den Orten Petersburgs und seiner Dichter. Mein Blick bleibt an der Abbildung eines Hauses am Litejni Prospekt hängen, wo die Dichterin Sinaida Hippius und ihr Ehemann, der Schriftsteller Dimitri Mereschkowski bis zum Jahr 1913 lebten. Ihr Salon war Treffpunkt der Symbolisten, neue Wege der Kunst und auch des Sozialen und Erotischen wurden gesucht und diskutiert. Die Beziehung zwischen dem Paar: sie waren über fünf Jahrzehnte verheiratet, ohne, so Hippius, einen Tag voneinander getrennt zu sein. Über mehrere Jahre gesellte sich auch der Publizist Dima Filosofow zu ihnen; eine Dreieinigkeit, die auch im Denken und Werk der sensiblen, sensitiven, von den Anderen als geheimnisvoll und exzentrisch wahrgenommenen Künstlerin niederschlug: die Liebe als Überwindung der Dualität, als Befriedung der (auch sexuellen) Spannungen und Konflikte in der Gesellschaft. Und es wird wohl auch dieses Denken gewesen sein, das sie, die so … Künstlerin, beim Eintritt Russlands in den Ersten Weltkrieg zu einer radikalen Kriegsgegnerin werden ließ.

Ein Denkmodell, das sie in die Nähe einer anderen Muse der damaligen Zeit gesellte, die ebenfalls in Petersburg geboren wurde, nämlich Lou. Lou Salomé, Lou Andreas-Salomé. Auf sie werde ich noch zu sprechen kommen, denn auch die junge Frau kam auf sie zu sprechen.

Ab 1913 lebte Hippius in einer Straße ganz in der Nähe des Taurischen Palais‘, einem Gebäude mit hoher politischer Bedeutung, da sich in ihm sowohl vorübergehend der Sitz der Duma, des Volksparlaments befand, als auch nach der Oktoberrevolution unter anderem der Kongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (die Partei der Bolschewisten), auf dem diese sich in Kommunistische Partei umbenannte. Hippius führte nun in diesen so wesentlichen, aber auch leidvollen Jahren ein Tagebuch, das Petersburger Tagebuch, das eindrücklich und auf unmittelbare, authentische Weise die Stimmung unter den Petersburger Intellektuellen wiederspiegelte, ihre Grabenkämpfe und unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem neuen Regime, aber auch die ganz alltäglichen Kämpfe ums Überleben (konkrete Beispiele…). Ein wesentliches Dokument jener Jahre, die über Jahrzehnte hinaus Russland, in besonderem Maße aber Petersburg, Petrograd, Leningrad prägen sollte. Diese Stadt, die Hippius … nennt.

Im Haus Murusi, so lese ich weiter in dem Buch, lebte Jahrzehnte später Joseph Brodsky als Kind, allerdings in weitaus beengteren Verhältnissen, nämlich in einer Kommunalwohnung, eineinhalb Zimmer für die Eltern und den Sohn, alles Weitere, Bad, Toilette und Küche, wurde mit den Mitbewohnern in den anderen Zimmern geteilt. Doch die Vergangenheit des Hauses war keine Rede wert, sie war bourgeois und daher totzuschweigen.

Und das Bild dieses Hauses überlagert sich mit dem Bild eines Hauses in einem Traum von mir, den ich ebenfalls für Jahrzehnte vergessen hatte: ich irre durch die Straßen Petersburgs, durch die Schluchten der grauen abweisenden Steinpaläste und weiß, irgendwo ist da diese Straße, deren Namen mir entfallen ist, und dort, im zweiten Stock, werde ich ihn finden. Das Haustor ist angelehnt, ich gehe über das Treppenhaus in den zweiten Stock, es stinkt muffig und nach Kohlsuppe. Dann stehe ich vor einer hohen Tür, deren Weiß abgeblättert ist und rissiges Holz zum Vorschein kommen lässt. Ob ich klingle, weiß ich nicht mehr, jedenfalls öffnet mir eine alte Frau. Sie hat fingerlose Wollhandschuhe an, ein Nachthemd, so scheint mir, darüber eine Wolljacke schlampig. Ach ja, es ist Nacht, das Licht auf den Straßen war gelblich, schmutzig und trüb. Als wäre es in der Zeit von Sinaida Hippius gewesen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Gaslaternen die Gebäude des Nachts in düsteres, doch warmes Licht tauchten. Er ist nicht mehr hier, sagt mir die Alte. Er ist tot. War es etwa Aljona Iwanowna, der ich hier im Traum begegnet war? War sie, die Ermordete, wiederauferstanden in meinem Traum? Ihre Augen jedenfalls waren böse und durchtrieben.

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